• 15.07.2019
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Ein Stück Bern auf dem Mond

Wie RUAG-Mitarbeiter Jürg Meister massgeblich zum Erfolg des Sonnenwindsegel-Experiments beitrug:

«Ich habe das Sonnenwindsegel persönlich im Handgepäck in die USA gebracht.» Das war vor 50 Jahren, als Jürg Meister, der heute rüstige Achziger, mit seiner wertvolle Fracht und erhöhtem Puls das Flugzeug nach Florida bestieg. Viele Jahre und hunderte von Stunden Arbeit steckten in dem kleinen Stück Rohr, das nach dem Flug in die USA die Weiterreise zum Mond antreten sollte.
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Astronaut Edwin "Buzz" Aldrin on the moon with the solar wind sail of the University of Bern 1969 ©NASA

Dass Jürg Meister eine der wichtigsten Personen im Projekt Sonnenwindsegel der Universität Bern werden sollte, war so nicht geplant. Nachdem er sein Lizenziat abgeschlossen hatte, trat er eine Assistenzstelle im Bereich der Meteoritenforschung an. Doch das war nicht 100 % sein Ding. Als dann bei den Professoren Johannes Geiss, Peter Eberhardt und Peter Signer eine Stelle im Labor frei wurde, musste man Meister nicht zweimal fragen. Sofort sagte er seiner Traumstelle zu und konnte fortan seine ganze Energie in das Projekt Sonnenwindsegel setzen. Bild: ©NASA

Wie mit Schrot auf einen Baum schiessen
Das Ziel des Sonnenwindsegel-Experiments war es, die Zusammensetzung des Sonnenwindes zu messen. Um möglichst genaue Werte zu erhalten, simulierte man im Labor das Einfangen des Sonnenwindes auf dem Mond. Meister und seine Kollegen beschleunigten Edelgas-Ionen auf 300 bis 400 km/s und schossen sie auf ein Stück Aluminium. Um die Edelgase zu extrahieren, wurde die Alufolie anschliessend geschmolzen und im Massenspektrometer analysiert. So konnte man herausfinden, wie viele der Ionen beim Auftreffen auf die Folie verloren gehen. Mit den erhaltenen Daten, war man in der Lage, die Zusammensetzung des Sonnenwindes zu errechnen. «Sie können sich das Ganze einfach vorstellen», schmunzelt Meister, «es ist, wie wenn ein Jäger mit Schrot auf einen Baum schiesst und danach die Kugeln zählt, die in der Rinde stecken bleiben und diejenigen, die am Boden liegen. Die geladenen Teilchen im All bewegen sich in einem Strom, treffen sie auf das Segel, dringen sie in die Oberfläche ein und bleiben stecken oder prallen ab. Mit den Schüssen im Labor wollten wir herausfinden, wie viele «Kugeln» stecken bleiben und wie viele verloren gehen.»

Das Unmögliche möglich gemacht
Fast genauso herausfordernd wie die Messung der Edelgase war die Konstruktion des Sonnensegels selbst. Denn nur weil die Astronauten auf dem Mond keine geologischen  Arbeiten durchführen und den dazu vorgesehenen Hammer auf der Erde lassen wollten, gab es überhaupt Platz für das Sonnenwindsegel. Die Herausforderung war es nun, etwas zu konstruieren, das maximal 452 Gramm schwer sein durfte (Gewicht des Hammers), das ein Astronaut in seinem ungelenken Anzug und den dicken Handschuhen entrollen konnte und trotzdem so stabil war, dass es den Weg von Bern auf den Mond heil überstand. Entstanden ist ein ausziehbares Teleskopbein in dessen Innern die aufgerollte Folie Platz fand. Zu Hilfe kam den Tüftlern der Astronaut Don Lind. Er erklärte Meister und seinen Kollegen die Astronautenperspektive, wie es sich anfühlt, in einem Astronautenanzug, praktisch ohne Bewegungsfreiheit und mit eingeschränkter Sicht, irgendetwas aufstellen zu wollen. Er testete den Prototypen und gab Tipps für Verbesserungen – am Schluss gelang ihnen die Quadratur des Kreises und sie hielten die Flight Unit mit dem von der NASA für gut empfundenen Sonnenwindsegel in den Händen.

Copy of the solar wind sail that stood on the moon in 1969 at the Apollo 11 Misson

Transport des Sonnenwindsegels im Handgepäck
Jürg Meister selbst durfte «sein» Sonnenwindsegel in die USA bringen. Auch hierzu waren einige Hürden zu überwinden, doch zu guter Letzt brachte er es im Handgepäck ins Flugzeug. Dort wurde es ihm sofort abgenommen, eingeschlossen und erst beim Ausstieg wieder übergeben. Das war im Mai 1969. Natürlich konnte er nicht zwei Monate bis zum Start der Apollo-11-Rakete in den USA bleiben. Diesen erlebte er dann im Kaffeeraum des Forschungslabors in Bern. Bis zur Landung der Astronauten auf dem Mond dauerte es weitere drei Tage. Dass das Sonnensegel erfolgreich aufgestellt werden konnte, erfuhr Meister live über Telefon von Professor Geiss. Dieser war vor Ort und hatte Zugang zu einem Nebenraum des Kontrollraums der NASA. «Nein, Angst, dass das Experiment schiefgehen könnte, hatte ich nie. Wir haben alles hunderte Male getestet, da konnte einfach nichts schiefgehen», so Meister. Und so war es auch. Der Astronaut Buzz Aldrin steckte das Sonnensegel erfolgreich in die Monderde, noch bevor die amerikanische Flagge gehisst wurde. Dort blieb es 77 Minuten stehen und fing Sonnenwind ein, der nach der Rückkehr in Bern ausgewertet wurde.

50 Jahre Mondlandung – 40 Jahre RUAG
Kurze Zeit nach dem erfolgreichen Sonnenwindsegel-Experiment übersiedelten Meister und seine Frau Susanne für sechs Jahre in die USA, wo er an einer privaten Universität in Houston forschte. Zurück in der Schweiz zog es ihn nochmals an die Uni Bern, bevor er eine neue Stelle bei der heutigen RUAG in Thun antrat. Während 25 Jahren widmete er sich der Entwicklung u.a. von Hohlladungen panzerbrechender Munition. Auch nach seiner Pensionierung blieb er RUAG treu. Noch heute ist Jürg Meister jeden Dienstag in der Munitionsausstellung der RUAG Ammotec in Thun anzutreffen. Dort führt er auf Voranmeldung interessierte Gruppen durch die Ausstellung, zeigt und erklärt die verschiedensten Munitionsarten, die von der Schweizer Armee gebraucht oder produziert wurden . Und auch in die weite Welt zieht es ihn noch immer. Dank ihrer guten Gesundheit reisen Susanne und Jürg Meister weiterhin durch die ganze Welt. Erst in diesem Frühling wurden sie von der Schweizer Botschaft in Washington eingeladen und nahmen dort an einem Empfang zu den 50-Jahr Feierlichkeiten der Mondlandung teil.

Apollo 11 ist der Name des ersten bemannten Fluges mit einer Mondlandng. Es war eine Raumfahrtmission im Rahmen des Apollo-Programms der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA. Die drei Astronauten Neil Armstrong, Edwin "Buzz" Aldrin und Michael Collins starteten am 16. Juli 1969 mit einer Saturn-V-Rakete von Launch Complex 39A des Kennedy Space Center in Florida und erreichten am 19. Juli eine Mondumlaufbahn. Während Collins im Kommandomodul des Raumschiffs Columbia zurückblieb, setzten Armstrong und Aldrin am nächsten Tag mit der Mondlandefähre Eagle auf dem Erdtrabanten auf. Wenige Stunden später betrat Armstrong als erster Mensch den Mond, kurz danach auch Aldrin. Nach einem knapp 22-stündigen Aufenthalt startete die Landefähre wieder von der Mondoberfläche und kehrte zum Mutterschiff zurück. Mit auf der Mission der Apollo 11 war das Sonnenwindsegel der Universität Bern, mit welchem man den Sonnenwind einfing und zurück in Bern an der Universität auswertete.